Kommunikation · Vertrauen · KI im Alltag

KI schreibt glatte Texte. Glätte ist nicht Wahrheit.

Ich habe nichts gegen gute Sätze. Im Gegenteil. Ich mag klare Sprache, saubere Struktur und Texte, die man gerne liest. Aber ich werde nervös, wenn ein Text zu glatt wird und dabei die Sache selbst aus dem Blick verliert. Genau das passiert bei KI erstaunlich schnell.

Nando Tschäppät 30. Juni 2026 Lesedauer: ca. 10 Minuten

KI schreibt gern sauber. Sie formuliert rund, höflich, ausgewogen und meist ohne sichtbare Kante. Das ist praktisch. Vor allem dann, wenn man schnell einen Entwurf braucht. Ich nutze das selbst regelmässig. Aber genau darin liegt auch das Problem: Ein glatter Text kann so tun, als sei er schon fertig gedacht, obwohl er in Wahrheit nur ordentlich ausformuliert wurde.

In Gesprächen über KI geht es oft zuerst um Effizienz. Wie viel Zeit sparen wir? Wie viele Mails, Protokolle oder Entwürfe lassen sich schneller erstellen? Das ist legitim. Aber sobald Sprache eine Funktion erfüllt, die über reine Geschwindigkeit hinausgeht, wird es heikel. Dann geht es um Vertrauen, Haltung, Wiedererkennbarkeit und Verantwortung.

Ein glatter Text ist noch keine gute Kommunikation

Ich sehe immer wieder, wie Unternehmen sich von der äusseren Form eines KI-Textes beeindrucken lassen. Die Sätze sind fein gebaut. Die Übergänge stimmen. Nichts ist grammatikalisch schief. Und trotzdem bleibt ein komisches Gefühl zurück, weil niemand dasteht, der wirklich etwas sagt.

Gute Kommunikation braucht mehr als sprachliche Eleganz. Sie braucht einen Menschen, der weiss, warum etwas gesagt wird, was weggelassen wird und was genau die Aussage trägt. KI kann das unterstützen. Sie kann Struktur geben, Varianten liefern und beim Formulieren helfen. Aber sie kann nicht automatisch die innere Klarheit ersetzen, die ein guter Text braucht.

Glätte ist manchmal nur ein Zeichen dafür, dass ein Text gut geschliffen wurde. Sie sagt noch nichts darüber, ob er etwas bedeutet.

Wo ich die Probleme im Alltag sehe

Die meisten schlechten KI-Texte sind nicht schlecht, weil sie Fehler hätten. Sie sind schlecht, weil sie zu wenig spezifisch sind. Sie sprechen allgemein über «Synergien», «innovative Ansätze» und «maßgeschneiderte Lösungen», ohne dass klar wird, worum es konkret geht. Genau das ist die Gefahr: Sprache klingt professionell und bleibt trotzdem unbestimmt.

Ich erlebe das in Projekten, in Lehrgängen und in Gesprächen mit Unternehmern sehr deutlich. Ein glatter Text kann intern sogar beeindruckend wirken, weil er die Fassade verbessert. Nach aussen kann er aber Vertrauen kosten, wenn Kundinnen und Kunden merken, dass da niemand wirklich Position bezogen hat. Und Vertrauen ist schwerer zu gewinnen als eine saubere Überschrift zu schreiben.

Was Sprache im Unternehmen eigentlich leistet

Sprache ist nicht nur Transportmittel. Sie ist Teil der Identität. Sie zeigt, wie ein Unternehmen denkt, wie es priorisiert und wie ernst es seine Gegenüber nimmt. Deshalb ist die Frage bei KI nicht nur: «Kann das Modell einen guten Text schreiben?» Die wichtigere Frage ist: «Passt dieser Text zu unserer Haltung?»

Gerade in Schweizer KMU, wo oft Nähe, Verlässlichkeit und direkte Kommunikation zählen, kann ein zu glatter Ton schnell künstlich wirken. Dann klingt ein Text zwar professionell, aber nicht mehr menschlich. Und wenn der menschliche Ton verloren geht, verliert auch die Botschaft an Gewicht.

Eine gute Textprüfung

Lesen Sie den Text laut. Wenn er klingt wie jemand, der versucht, möglichst kompetent zu wirken, ist er oft zu glatt. Wenn er klingt wie jemand, der etwas sagen will, ist er meist näher an der Wahrheit.

Warum ich rohe Kanten oft lieber mag

Nicht jeder Satz muss geschniegelt sein. Nicht jede Kommunikation muss weichgespült werden. Manchmal ist eine klare, etwas kantige Form sogar hilfreicher, weil sie zeigt, dass jemand nicht bloss formuliert, sondern wirklich denkt. Das heisst nicht, dass Texte ungeschliffen sein sollen. Es heisst nur, dass Glätte kein Selbstzweck ist.

Ich selbst überarbeite Texte oft mehrmals. Nicht, weil ich sie künstlich perfektionieren will, sondern weil ich entscheiden will, welche Form der Aussage am besten entspricht. Das ist ein grosser Unterschied. Ein Text darf reduziert, direkt und klar sein. Er muss nicht nach Werbebroschüre klingen, um professionell zu sein.

Was KI gut kann und was nicht

KI ist stark bei Vorschlägen, Strukturierung, Varianten und beim Erkennen von wiederkehrenden Mustern. Sie ist schwach bei echter Erfahrung, bei Verantwortung und bei Nuancen, die nur aus gelebter Praxis entstehen. Darum funktioniert KI in der Textarbeit am besten als Sparringspartner, nicht als Autorität.

Ein guter Ablauf sieht für mich oft so aus:

  1. Ich formuliere zuerst das, was wirklich gesagt werden muss.
  2. Dann lasse ich KI beim Strukturieren oder Varianten bilden helfen.
  3. Danach prüfe ich, ob der Text noch nach mir, nach dem Unternehmen und nach der Situation klingt.
  4. Und erst dann entscheide ich, was bleibt und was rausfliegt.

Genau in dieser Reihenfolge entsteht Qualität. Nicht umgekehrt. Wer zuerst die KI schreiben lässt und erst am Schluss fragt, ob das überhaupt stimmt, produziert oft Texte, die sich gut lesen, aber schlecht tragen.

Glätte macht Kommunikation manchmal sogar gefährlicher

Besonders heikel wird es dort, wo Texte Verantwortung verschleiern. Ein KI-generierter Satz kann freundlich formuliert sein und dennoch eine unsaubere Aussage enthalten. Das passiert etwa bei Richtlinien, Angebotsformulierungen, E-Mail-Antworten oder internen Mitteilungen. Wenn alle Sätze weich genug sind, merkt man manchmal erst spät, dass niemand wirklich entschieden hat.

Genau deshalb sage ich in Unternehmen gern: Lasst euch nicht von gut klingender Sprache beruhigen. Prüft, ob der Inhalt trägt. Prüft, ob die Aussage mutig genug ist. Prüft, ob der Text auch dann noch stimmt, wenn ein Kunde eine Rückfrage stellt. Glätte ist angenehm. Wahrheit ist belastbarer.

Worauf ich bei KI-Texten achte

  • Ist der Text konkret oder austauschbar?
  • Erkennt man, wer dahintersteht?
  • Gibt es einen echten Standpunkt oder nur die bequemste Formulierung?
  • Wird etwas verschleiert, das man lieber offen sagen müsste?
  • Klingt der Text für Kundinnen und Kunden glaubwürdig oder nur «nett»?

Diese Fragen sind einfach, aber sie helfen enorm. Sie holen den Text zurück auf den Boden. Denn am Ende ist nicht entscheidend, ob ein Text wie KI aussieht oder nicht. Entscheidend ist, ob er die Beziehung zum Gegenüber stärkt oder verwässert.

Eine persönliche Beobachtung

Ich merke immer wieder, dass die besten Texte oft jene sind, die eine kleine Eigenheit behalten dürfen. Ein klarer Satz. Ein persönlicher Einschub. Eine Formulierung, die nicht hundertmal im Internet herumliegt. Genau diese kleinen Spuren machen Sprache glaubwürdig. Sie erinnern daran, dass da jemand denkt, statt nur zu optimieren.

In meinen Beratungen und Workshops ist das ein wiederkehrendes Thema: Unternehmen wollen verständlich kommunizieren, aber gleichzeitig nichts falsch machen. Daraus entstehen oft Texte, die zwar sauber, aber austauschbar sind. KI kann helfen, den ersten Entwurf schneller zu bekommen. Aber der letzte Schliff muss von Menschen kommen, die das Unternehmen, den Kontext und die Zielgruppe wirklich kennen.

Auch intern ist sprachliche Glätte nicht harmlos

Das Thema betrifft nicht nur Webseiten und Broschüren. Oft wird es intern noch wichtiger: Protokolle, Richtlinien, Change-Kommunikation, Team-Mails, Leitfäden. Dort kann KI extrem hilfreich sein, weil sie Struktur schafft und Formulierungen ordnet. Gleichzeitig kann sie eine gewisse emotionale Distanz erzeugen, wenn alles zu perfekt und zu glatt klingt.

Ich halte das für problematisch, wenn ein Text zwar angenehm zu lesen ist, aber nicht klar sagt, was gemeint ist. Mitarbeitende merken sehr schnell, ob etwas nur schön formuliert oder auch sauber entschieden wurde. Glätte ersetzt keine Klarheit. Und Klarheit ist intern oft wichtiger als Stil.

Woran ich gute von bloss glatten Texten unterscheide

Für mich sind vier Fragen entscheidend:

  1. Sagt der Text etwas Konkretes oder nur allgemein Gebräuchliches?
  2. Ist er ehrlich genug, um auch eine Rückfrage auszuhalten?
  3. Passt der Ton zum Unternehmen und zur Situation?
  4. Würde ich den Text auch unterschreiben, wenn mich jemand darauf festnagelt?

Diese vier Fragen reichen oft schon, um aus einem hübschen KI-Entwurf einen brauchbaren Text zu machen. Sie zwingen uns, nicht nur auf die Oberfläche zu schauen. Genau dort beginnt die eigentliche Textarbeit.

Warum ich kleine Reibung lieber behalte

Eine gewisse Reibung ist in Kommunikation nicht automatisch ein Fehler. Manchmal zeigt eine etwas kantigere Formulierung, dass ein Text wirklich etwas meint. Ich will nicht, dass alles glattgebügelt wird, bis es niemandem mehr wehtut. Gute Sprache darf Relevanz haben. Und Relevanz entsteht selten aus Perfektion.

Das heisst nicht, dass Texte lieblos sein sollen. Es heisst nur, dass wir nicht jedes Ecken und Kanten automatisch entfernen sollten. In vielen Fällen wird ein Text glaubwürdiger, wenn er ein wenig Persönlichkeit, Klarheit und Position enthält. Das ist schwerer als das reine Glätten. Aber es lohnt sich.

Was ich Kundinnen und Kunden oft sage

Ich rate niemandem, schlechte Texte zu schreiben. Das Gegenteil ist der Fall. Texte dürfen gut gebaut sein, aber sie sollen nicht wie eine generische Vorlage wirken. Deshalb arbeite ich gern mit einem einfachen Prinzip: Erst den Gedanken klären, dann die Sprache verfeinern. Wenn man umgekehrt vorgeht, wird der Text schnell hübsch, aber leer.

Für Schweizer KMU ist das besonders relevant, weil Kommunikation hier häufig näher am Geschäftsalltag hängt als in Konzernen. Eine Formulierung kann direkt auf Vertrauen, Verkauf, Teamkultur oder Kundenerlebnis wirken. Genau deshalb sollte man KI-Texten nicht nur beim Schreiben vertrauen, sondern beim Prüfen konsequent bleiben.

Die drei häufigsten Fehler

  1. Man übernimmt den KI-Text fast unverändert, weil er so gut klingt.
  2. Man glättet ihn weiter, bis er wie ein beliebiger Markttext wirkt.
  3. Man vergisst, den Inhalt gegen die eigene Haltung und den realen Prozess zu prüfen.

Wenn ich diese drei Fehler in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Man optimiert die Oberfläche und verliert den Kern. Das passiert nicht aus Dummheit, sondern aus Zeitdruck. Genau deswegen ist KI-Sparring wichtig: Es schafft Raum, bevor aus Tempo ein Kommunikationsproblem wird.

Wann eine kleine Kante besser ist

Manchmal braucht ein Text nicht mehr Weichheit, sondern mehr Kontur. Das ist besonders dann der Fall, wenn eine Organisation für etwas stehen will. Wer alles nur freundlich und glatt formuliert, vermeidet zwar Reibung, erzeugt aber oft auch keine Erinnerung. Menschen merken sich Texte, die etwas auslösen. Nicht weil sie laut sind, sondern weil sie präzise sind.

Deshalb finde ich es sinnvoll, KI nicht als Endpunkt, sondern als Zwischenstufe zu sehen. Sie hilft beim ersten Entwurf, beim Verdichten und beim Variantenbilden. Aber die menschliche Bearbeitung entscheidet, ob aus einem korrekten Text auch ein glaubwürdiger Text wird.

Am Ende geht es bei Sprache um Beziehung. Menschen lesen Texte nicht nur mit den Augen, sondern mit ihrer Erfahrung. Sie merken, ob etwas aus echtem Denken stammt oder nur aus sprachlicher Routine. Genau deshalb bleibt die letzte redaktionelle Entscheidung so wichtig.

Und vielleicht ist genau das die beste Verteidigung gegen glatte KI-Texte: nicht noch mehr Lärm, nicht noch mehr Hochglanz, sondern mehr Genauigkeit im Denken und mehr Mut zu einer Sprache, die etwas riskieren darf.

Das klingt schlicht. Ist es auch. Aber schlicht ist in Kommunikation oft schwerer als geschniegelt.

Genau dort trennt sich Textarbeit von Textproduktion.

Und genau deshalb braucht es Menschen, die den letzten Satz ernst nehmen.

Sonst bleibt nur schöne Oberfläche.

Und schöne Oberfläche trägt selten lange.

Vor allem nicht, wenn Vertrauen auf dem Spiel steht.

Mein Fazit

KI schreibt glatte Texte. Das ist nicht schlecht. Es ist nur nicht genug. Sobald Sprache Vertrauen erzeugen soll, braucht es mehr als Glätte: Haltung, Präzision und die Bereitschaft, eine Aussage auch wirklich zu tragen.

Darum ist mein Rat an Schweizer KMU schlicht: Nutzen Sie KI für Tempo, Struktur und Varianten. Aber lassen Sie den letzten Satz immer von einem Menschen verantworten, der weiss, was er sagen will. Genau dort beginnt gute Kommunikation.